Französische Lebensart in Maintal

Was in Frankreich bevorzugt von den älteren Semestern betrieben wird, ist in Deutschland inzwischen zum beliebten Freizeitsport für Jung und Alt geworden: Boule. Die Bürgerhilfe lädt seit einigen Jahren in den wärmeren Monaten zum Mitmachen ein und bringt damit „savoir vivre“ nach Maintal.

In Südfrankreich gehören sie zum Stadtbild: die meist älteren Herren mit Baskenmütze auf dem Kopf, die filterlose Gitanes hinter dem Ohr und eine Eisenkugel in der Hand. Auch in Deutschland erfreut sich das Boule-Spiel wachsender Beliebtheit und das bei Jung und Alt. Wie Pilze aus dem Bode schießen neuerdings die Anlagen, in denen man vom Frühjahr bis in den Herbst hinein das Klick-Klack der Metallkugeln hört.

„Boule ist ein spannendes Spiel und macht enormen Spaß“, erzählt Georg gutgelaunt. Der Neurentner gehört zu den Spielern, die regelmäßig an den Boule-Treffs der Bürgerhilfe Maintal teilnehmen. Hier habe er viele andere Leute im Stadtteil kennen und gemeinsam das Spiel lieben gelernt. Für Mitspielerin Erika. steht die Geselligkeit im Vordergrund. Im Herbst letzten Jahres war sie zum ersten Mal dabei und gleich begeistert. Frische Luft, nette Gespräche, leichte Bewegung – was will man mehr“, sagt die 65-jährige. Von Boule hatte sie vorher noch nie was gehört, nur von Boccia. „Boccia spielte doch unser Alt-Kanzler Konrad Adenauer immer in seinen Urlauben am Comer See“, berichtet die Maintalerin. In Deutschland wird für Boule auch oft das Wort „Boccia“ benutzt.

Hauptsache, die Kugel rollt

Tatsächlich ist Boule (=französisch für Kugel) der Oberbegriff für alle aus Frankreich stammenden Kugelspiele. Je nach Region sind dort durchaus verschiedene Spielarten bekannt, wobei die -auch außerhalb Frankreichs – verbreitetste Boule-Spielversion Pétanque heißt. Die Unterschiede zwischen Boule, Boccia und Pétanque sind fließend – ähnlich wie bei Federball und Badminton. Boule spielen Opa und Enkel auf der Wiese, eine Freizeitbeschäftigung. Petanque dagegen ist eine anspruchsvolle Sportart mit Regelwerk, also die Wettkampfvariante. Der Hauptunterschied zwischen Boule und Boccia wiederum liegt im Ursprungsland, in der Art des Bodens, auf welchem gespielt wird, sowie in kleinen Regelabweichungen.

Ganz gleich ob Boule oder Pétanque – dabei handelt es sich vermutlich um den ältesten Behindertensport der Welt. Er wurde laut Überlieferung 1910 für einen gewissen Jules LeNois erfunden. Jules plagte das Rheuma, und so konnte er an dem Kugelsport, den seine Freunde spielten, nicht teilnehmen. Die änderten kurzerhand die Regeln so ab, dass die Kugel über eine kürzere Distanz gespielt wurde. Inzwischen spielen etwa acht Millionen Franzosen Pétanque, weltweit gibt es in 52 Ländern organisierte Spieler. Touristen brachten das Spiel nach Deutschland. 1963 wurde in Bad Godesberg der erste Boule-Club Pétanque gegründet. Die Zahl der unorganisierten Freizeitspieler wird inzwischen auf mehrere Hunderttausend geschätzt.

Ran an die Wutz – die Spielregeln

Eine Boule wird aus Stahl hergestellt mit einem Durchmesser von 70,5 bis 80 mm. Sie wiegt zwischen 650 und 800 Gramm. Die Kugeln tragen unterschiedliche, in einem Satz aber gleichartige Riffelungen. Die Regeln sind einfach: Zwei Spieler oder zwei Mannschaften mit jeweils zwei oder drei Spielern treten gegeneinander an. Einzelspieler haben je drei, Mannschaften je sechs Kugeln. Sie versuchen, ihre Boules möglichst nahe an der hölzernen Zielkugel zu platzieren, dem sogenannten „Conchonet“ (auf Deutsch: Schweinchen, meist Sau oder Wutz genannt). Gewertet wird jede Kugel einer Mannschaft, die näher am Schweinchen liegt als die beste der gegnerischen Mannschaft. Wer zuerst 13 Punkte hat, gewinnt. Gespielt werden kann auf jeder einigermaßen ebenen Fläche.

Savoir Vivre in Maintal

Die Boule-Bahn hinter dem Rathaus in Hochstadt. Ein lauer Sommernachmittag. An der Bahn ein paar Senioren und Seniorinnen. flanierend, gemächlich Boule spielend. Erika hat schnell gelernt, die Kugel nicht wie beim Kegeln auf das Ziel zu feuern. Hier ist vielmehr Präzision, Technik und Konzentration gefragt. Sie atmet tief ein, lässt den Wurfarm am Körper vorbeischlenkern, strafft sich, geht etwas in die Knie und wirft die Kugel mit einem gezielten Handschwung nach vorn. „Ran an die Sau“ feuern ihre Teamkollegen sie an.

Dass Boule nicht nur ein Spiel ist, zeigt sich schnell. Nach mehreren Partien sitzen die Spieler meist noch zum Klönen zusammen, manchmal auch bei einem Gläschen Rotwein. Ein Stück des französischen Lebensgefühls, ein Stück Savoir-vivre in Maintal.

Dass wie Maintaler und Maintalerinnen dieses Savoir Vivre genießen können bzw. dass die Bürgerhilfe Boule-Treffs anbietet, verdanken wir übrigens Gisela Pfaff. Das Spiel selbst hatte sie in ihren Urlauben in Südeuropa kennengelernt. Dabei fiel ihr auf, dass dort speziell auch viele ältere Menschen dem Kugelsport mit Begeisterung nachgingen. Und da die Bürgerhilfe immer wieder nach Wegen sucht,  Senioren in Bewegung zu bringen, kam ihr die Idee eines Boule-Treffs. Im Frühjahr 2009 war es dann soweit. Unter Giselas Organisation traf sich die erste Spielrunde. Einige der Spieler und Spielerinnen sind bis heute begeistert mit dabei und können es im Frühjahr kaum abwarten, bis die Saison wieder losgeht.

Wer Lust bekommen hat, mitzuspielen, erfährt die Termine in unserem Veranstaltungskalender. Alle Altersgruppen sind willkommen. Kugeln werden gestellt. Fragen gerne an Organisatorin Gisela Pfaff (siehe Terminkalender).

Foto: iStock-141113180

 

Maintaler Spieler und Spielerinnen